Chenjiagou — Vier Monate in einem chinesischen Taiji Dorf 
Anna Carina Lange

↦  Graphic Novel, Bleistiftzeichnungen digital koloriert
↦  Betreut von Prof. Markus Huber ↦  Masterthesis, 2017/18

Als ich ein Kind war, brachte mein Vater mir die chinesische Kampfkunst »Taijiquan« bei. Als Erwachsene immer noch begeistert von der Geschichte des jungen Chen Fa Ke, der einer der größten Taiji-Meister der Geschichte wurde, reiste ich in das kleine Dorf Chenjiagou, in dem er gelebt hatte. Nach sechs Monaten intensivem Training, wollte ich als Taiji-Meisterin zurückkehren. In der Schule angekommen, trainierte ich von früh bis spät zusammen mit den chinesischen Schülern. Wir hatten alle ein Ziel: der große Wettkampf. Auf dem Weg dorthin lernte ich die Anderen kennen, musste als Anstandsdame mitkommen, wenn sich eine Freundin von mir heimlich mit einem der älteren Schüler zum Knutschen im Park traf, zog mir eine Lebensmittelvergiftung durch vergammelte Litschis zu, erklärte einer Freundin, was ein Tampon ist und dass man vom Küssen nicht schwanger wird und trainierte ohne Pause auf den großen Wettkampf hin. Solange, bis ich mir eines Abends beim Zweikampftraining die Bänder im Mittelfuß riss. 

Die schwere Verletzung ignorierte ich, trainierte weiter und fuhr sogar, auf Krücken, mit dem Zug bis nach Hongkong und zurück, um mein Visum zu erneuern. Der Fuß wurde nicht besser, sodass ich schließlich nach Deutschland zurückkehren musste. Ich war keine Taiji-Meisterin geworden und hatte das Gefühl, auf der ganzen Linie versagt zu haben. Und dann wurde mir klar, dass ich die Geschichte von Chen Fa Ke falsch verstanden hatte. Es ging nicht nur darum, bis zum Äußersten zu kämpfen, sondern das, was man wirklich will, zu finden und mit vollem Einsatz durchzuziehen. 

Seit ich denken kann, habe ich gezeichnet, Geschichten geschrieben und wahnsinnig viel erlebt. Das Geschichtenerzählen ist mein Lebensweg geworden und mit »Chenjiagou« fange ich an.

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