Einblick/Ausblick 2020Jahresausstellung der Muthesius Kunsthochschule

Aufmerksamkeit

Merle Kolb

  • Bachelorthesis, Sommerstemester 2019
  • Prof.in Dr. Sandra Schramke und Prof. Michael Breda

Ausstellungskonzeption- und -entwurf zum Thema "Aufmerksamkeit

Unsere Zeit ist die Zeit der Digitalisierung, Schnelllebigkeit, Zerstreutheit und Diversität. Das wirkliche Leben rauscht an uns vorbei, während wir uns zunehmend teilnahmslos und zeitvergessen in digitale Welten flüchten. Unsere Zeit stellt ihre ganz eigenen Anforderungen und Forderungen an uns, die Gesellschaft und letztlich auch an die Kulturinstitution Museum. Gleichzeitig besitzt die Institution ein bedeutsames Alleinstellungsmerkmal.

Kurator und Philosoph Daniel Tyradellis bezeichnet das Museum als „ein Korrektiv gegenüber dem jeweiligen Realitätsverständnis. Es sei ein einzigartiger Ort, an dem Dinge zu erfahren seien, wie nirgendwo sonst. Der museale Raum irritiere, weil er zu den wenigen gesellschaftlichen Freiräumen zähle, in denen Fragen und Konstellationen verhandelt werden könnten, die anderswo keine Beachtung finden. Gleichzeitig sei diese – potenzielle – Rolle auch einer gesellschaftlichen Entwicklung geschuldet, die nach und nach alles und jedes einer Normierung des Denkens, Wahrnehmens und Bewertens, unterordne. Das Museum könne ein Ort des Widerstands gegenüber diesen Verarmungen des Denkens und der Phantasie sein, vor allem aber der Reflexion und des Nachdenkens über diesen Prozess.

1999 beschreibt Jonathan Crary die „Krise der Aufmerksamkeit“ als einen bedeutenden Aspekt der Moderne. Crary setzt den Wandel der Aufmerksamkeit hin zu einer Zerstreutheit mit dem Kapitalismus in Verbindung. Als Beschleunigung von Tausch und Zirkulation habe das Kapital beim Menschen notwendig perzeptuelle Anpassungsfähigkeit produziert und wurde damit zu einem Regime, in dem Aufmerksamkeit und Zerstreuung in einem Wechselverhältnis standen. Zudem führt er die bestehende Kritik an der Moderne von unter anderem Walter Benjamin, Georg Simmel, Rainer Maria Rilke und Theodor Adorno an. Ihr Erbe seien die Auffassungen, die die Moderne als Prozess der Fragmentierung und Zerstörung begreifen. Zumeist wurde die Zerstreuung als Produkt von Verfall oder Verkümmerung „der Wahrnehmung in Rahmen eines umfassenderen Verfalls der Erfahrung“ verstanden.

Die Aufmerksamkeitsökonomie beschreibt ein Konzept, das die Aufmerksamkeit von Menschen als knappes Gut betrachtet. Mit der zunehmenden Digitalisierung, Vernetzung und den immer schnelleren und allumfassenderen Neuen Medien sinken die Kosten für Information und Unterhaltung. Es ist nicht mehr der Zugang, sondern die Aufmerksamkeit selbst, die zur Ressource wird und dadurch mehr und mehr umkämpft, zu ökonomischem Kapital und sozialer Währung wird.

Kontakt: https://www.instagram.com/merlanieweiss/